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Der blaue See am Ende der Welt

Wer die Lyngenalpen in Norwegen besuchen will, muss weit reisen. Hoch im Norden Skandinaviens, zwei Autostunden von der norwegischen Stadt Tromsø entfernt, lädt eines der schönsten Bergmassive des Landes zu Entdeckungstouren ein. Und weil der Landstrich zwischen dem Ullsfjord und dem Lyngenfjord touristisch wenig erschlossen ist, weht den Wanderern gelegentlich ein Hauch von Abenteuer um die Nase.

Es ist Mittagszeit, als unser roter Bulli auf dem Wanderparkplatz Sørlenangsbotn an der Straße Fv321 zum Stillstand kommt. Die wenigen Nadelbäume wiegen sich im Wind. Von weitem dröhnt der Traktor eines Bauern leise an unser Ohr. Nur die Möwen am nahen Fjord lärmen, als hätten sie noch nie etwas von einer Mittagsruhe gehört. Wahrscheinlich freuen sie sich über den Sonnenschein genau wie wir. Vom Nordkap bis hierher haben uns graue Regenwolken und Sturmböen begleitet. Nun aber trübt keine einzige Wolke den Blick auf ein beeindruckendes Bergpanorama.

Die Lyngenalpen erstrecken sich über eine Länge von 90 Kilometern von Süden nach Norden und sind 20 Kilometer breit.

Wir sind weit im Norden gelandet. Die Eismeer-Kathedrale in Tromsø liegt 90 Autominuten entfernt im Westen. Hinzu kommt noch eine 20-minütige Fährfahrt über den Fjord. Zum offenen Nordmeer sind es wenige Minuten mit dem Schiff. Berlin dagegen liegt 2000 Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Touristen verirren sich selten in diese Abgeschiedenheit. Die zahlreichen Wohnmobile, Wohnwagen und Reisebusse, die uns in den vergangenen Stunden auf der E6 begleitet haben sind schnurstracks weiter gefahren nach Tromsø oder Alta. Und doch ist der Wanderparkplatz gut gefüllt. Die Kennzeichen der Autos sind international. Russland, Finnland, Schweden, Belgien, Holland und Italien. Wir sind an diesem Tag die einzigen Deutschen. Unser Ziel sind aber nicht die Gipfel der Gebirgskette, sondern ein kleiner blauer See am Fuss des Gletschers Lenangsbreen. Wir haben gehört, das das  Wasser des Blåvatnet so sauber ist, das man bis auf den Grund blicken kann. Und das er im Sonnenlicht türkisblau leuchten soll. Das wollen wir uns unbedingt anschauen. 

Vier Kilometer lang ist die direkte Wanderroute zum Blåvatnet. Zwei Stunden haben wir für eine Richtung eingeplant. Man geht es gemütlich an. Der Pfad führt ohne nennenswerte Steigungen über das Fjäll am Fluss Strupskardelva entlang. Wir haben Glück. Trotz der Regenfälle der vergangenen Tage bleiben die Wassermassen friedlich und wir können den Wasserlauf an einigen Stellen problemlos überqueren. Steil ragt der Gipfel des Stora Lenangstind 1624 Meter in den tiefblauen Himmel empor. Er ist damit auch ein guter Richtungsweiser, denn zu seinen Füßen liegt der blaue See. Längst erreichen die Gipfelhöhen der umliegenden Bergriesen nicht alpine Ausmaße wie man sie aus den Alpen kennt oder in

Jotunheimen in Südnorwegen erwandern kann. Beeindruckend und respektvoll sind sie allemal. 194 Höhenmeter beträgt der Unterschied zwischen dem Wanderparkplatz und dem Blåvatnet. Das ist nicht viel. Wir merken aber schnell, das wir in hochalpinem Gebiet unterwegs sind. Die Wegmarkierungen beschränken sich auf einige übereinander gestapelte Steine, auf denen gelegentlich etwas Farbe gesprüht wurde. Der Steig führt seit der Flussüberquerung über immer größer werdende Geröllfelder. Haben die Steine am Anfang noch die Ausmaße eines Fußballs, werden sie immer umfangreicher, je näher man an das Ziel kommt. Wir sind im Land der Trolle. Ob die damit Ballspielen, ist der menschlichen Fantasie überlassen.

Dann ist er in Sicht, der blaue See. Und er wird unseren Erwartungen mehr als gerecht. Türkisblau schimmert das Gletscherwasser. Die schneebedeckten Bergspitzen spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Wir können tatsächlich bis auf den Grund sehen. Dafür ist das Wasser eiskalt. Drei Grad plus. Geschätzt. Unsere Füße sind krebsrot, nachdem wir uns einige Meter durch das kühle Nass in Richtung Kraterrand gearbeitet haben. Ein paar hundert Meter weiter östlich kreischt es in regelmäßigen Abständen. Die Norweger kennen keinen Schmerz. Es ist ja schließlich Sommer. Also wird auch in einem Gletschersee gebadet. 

Seine Farbe bekommt der Blåvatnet übrigens vom Gletscher Lenangsbreen. Unaufhörlich rauschen dessen Schmelzwasser durch den blau schimmernden Eispanzer an den Felswänden nach unten. Die mitgeführten Segmente leuchten dann im Tageslicht.

Wichtig: es schmeckt auch ganz ausgezeichnet. Eine Stunde lang genießen wir die gute Luft, die Ruhe, die Aussicht über eine grandiose Fjord- und Berglandschaft. Ständig ändert die wandernde Sonne die Lichtverhältnisse. Dann geht es zurück in Richtung Wanderparkplatz. Zuerst über große Felsbrocken, die dann immer kleiner werden, bis sie die Ausmaße von Fußbällen haben. Auch der Rückweg dauert zwei Stunden. Warum? Weil man sich an der wunderschönen Natur nicht sattsehen kann. Wir jedenfalls haben uns ein wenig in die Lyngenalpen verliebt und werden bestimmt wiederkommen. Versprochen!

(2) Kommentare

  1. Hallo und Danke für den informativen Post! Lesenswert Tipp.

    1. Dankeschön, Jacob. !

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