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Der verwunschene Autofriedhof in Bastnäs

Mitten in den tiefen Wäldern der Provinz Värmland, dicht an der norwegischen Grenze, liegt Schwedens wohl romantischster Schrottplatz: der Autofriedhof von Bastnäs. Selten zeigt sich die Poesie der Vergänglichkeit so deutlich, wie hier unter Fichten, Tannen, Sträuchern und auf den Wiesen. Hunderte Autos rosten seit Jahrzehnten in dieser einsamen skandinavischen Wildnis vor sich hin. Fotografen aus der ganzen Welt sind entzückt und dokumentieren beharrlich den Verfall. Die Natur hat an dieser Stelle bewiesen, dass sie stärker ist als das von Menschenhand geschaffene rollende Material. Sie erobert sich ihren Platz zurück und hinterlässt verzückte Betrachter.

Sind wir denn noch auf dem richtigen Weg? Die Fahrerin und ich schauen uns fragend an. Seit der letzten Abzweigung von der Hauptstraße auf eine kleine Landstraße sind bereits etliche Minuten vergangen. An unseren Seitenfenstern fliegt auf der sogenannten “Sugar Road” , einer alten Schmugglerroute zwischen den beiden skandinavischen Ländern, eine schwedische Traumlandschaft vorbei. Blauer Himmel, gelbe Felder, endlose Wälder. Dazwischen schimmert gelegentlich das klare Wasser des Stora Le durch die Bäume.

Die “Sugar-Road” – Schmugglerroute an der norwegischen Grenze

Der Asphalt auf der Straße hat sich längst in eine staubige Schotterpiste verwandelt, typisch für Schweden. Manchmal haben wir auch das Gefühl, gleich durch einen Vorgarten zu fahren, so eng ist die Straße zwischen den Häusern geworden. Irgendwann kommt uns doch tatsächlich in dieser Einöde ein Auto mit ausländischem Kennzeichen entgegen. Wir wissen jetzt, wir sind richtig. Noch einmal geht es mit einer staubigen Fahne am Heck um eine Kurve, vorbei an einem rot-weißen Schwedengehöft. Dann ist es zu sehen, das erste rostige Auto. Versteckt unter dicken Ästen. Und das gelbe Schild mit der Aufschrift “«Här slutar allmän väg» – hier ist das Ende der öffentlichen Straße”. Willkommen in Bastnäs, einem unscheinbaren Ort in Värmland, nur drei Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Willkommen auf dem romantischsten Schrottplatz Schwedens.

Vor über 70 Jahren hatten die Brüder Tore und Rune Invarsson eine geniale Geschäftsidee. Sie legten hier in der Wildnis einen Handelspunkt für Autoteile an. Die Nachbarn in Norwegen waren zu diesem Zeitpunkt ein armes Völkchen. Es gab wenige Privatautos und es war verboten, Fahrzeuge zu importieren. Ein Schlupfloch in der norwegischen Gesetzgebung erlaubte allerdings die Einfuhr von Ersatzteilen. Die Invarssons nahmen die Autos hier in Bastnäs auseinander, transportieren die Einzelteile über die nur drei Kilometer entfernte Grenze und bauten dort die Autos wieder zusammen. Ein lukratives Geschäft, zumal viele Schweden ihre gebrauchten Autos nach Bastnäs brachten und an die Mechaniker verkauften. Dann, Mitte der 80-ger Jahre, lockerte der norwegische Staat die Einfuhrbedingungen. Das Geschäft der Familie brach zusammen. Der Hof wurde aufgegeben. Zurück blieben hunderte alte Autos. Im Wald und auf den Wiesen. Kotflügel liegen wie von Künstlerhand schön drapiert in den Büschen, daneben finden sich komplette Motoren samt Getriebe unter den Resten der dazugehörigen Karosserien. Die Natur hat sich das Areal längst zurückerobert. Dicke Birkenstämme wachsen aus den Motorhauben. Moos liegt auf den Armaturenbrettern und Spinnen haben ihre Netze an den geborstenen Fensterscheiben installiert.

Es ist eine skurrile Landschaft, die sich unseren Augen darbietet. Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Invarssons stehen die alten Kisten dicht an dicht in unzähligen Reihen abgestellt. Dazwischen wachsen bunte Feldblumen und hohes Gras. Es sieht aus wie eine Filmszene aus der Serie “The Walking Dead”. Die Nachricht von dieser seltsamen Location, die bei den Schweden bereits Kultstatus erreicht hat, hat längst die Runde gemacht und Autoliebhaber aus der ganzen Welt reisen an, um Markennamen der Fahrzeuge zu erraten oder Fotos zu machen. Der jetzige Besitzer des Geländes hat anscheinend nichts dagegen. Eintritt wird nicht verlangt Aber er hat klare Regeln aufgestellt. Niemand darf etwas mitnehmen, abbauen oder zerstören. Und auch an etwaige Langfinger richtet sich seine Botschaft, die er in großen Buchstaben deutlich an die Haustür geschrieben hat: “Nach etwa dreißig Einbruchsversuchen im letzten Jahr habe ich die Nase voll. Ich habe Fallen gestellt im Haus, und wenn jemand sich verletzt oder stirbt, ist es mir egal. Denkt daran, dass euch hier niemand hören wird!”

Wir sind an diesem Tag natürlich nicht die einzigen hier auf dem Autofriedhof in Bastnäs. Aber alle halten sich an die Regeln und sind voll auf beschäftigt, diesen mystischen Ort zu erkunden, zu fotografieren oder einfach verzückt zwischen den alten Autos umherwandernd, die seltsame Poesie von Vergänglichkeit und Natur zu genießen. Auf dem wohl romantischsten Schrottplatz Schwedens.

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