Es war einmal vor langer Zeit, als Schloss Lanke noch von einem alten, strengen Grafen bewohnt wurde, da führte ein holpriger Weg direkt am Hellsee entlang. Der See war schön, aber berüchtigt: dunkel, tief und still. Die Leute aus den umliegenden Dörfern flüsterten, der Hellsee sei „schnell im Zorn und langsam im Vergeben“.
Der Graf von Lanke war ein reicher Mann. Er liebte Prunk und Pracht, aber er verachtete die armen Bauern. Eines Herbstabends kehrte er spät von einem Fest in Berlin zurück. In seiner Kutsche saß auch seine junge Nichte Anna. Kutscher Hans, ein stiller, zuverlässiger Mann aus einem Dorf in der Nähe, lenkte das Gespann mit sicherer Hand durch die Wälder des Barnim.
Draußen tobte ein Sturm. Regen peitschte gegen die Fensterscheiben, und der Wind fuhr durch die Bäume am Seeufer, dass sie ächzten. Der Weg am Hellsee war matschig und von Pfützen überzogen, doch der Graf drängte zur Eile. „Schneller, Hans! Ich will noch vor Mitternacht im Schloss sein!“ „Herr Graf, die Pferde sind müde, die Straße rutschig, und der See ist nah“, erwiderte Hans vorsichtig. „Hast du Angst vor Wasser, du Narr? Ich bezahle dich nicht fürs Bummeln. Vorwärts!“
Anna legte dem Onkel die Hand auf den Arm. „Onkel, bitte. Hans kennt den Weg. Lass ihn langsamer fahren. Der Hellsee ist gefährlich bei Sturm.“ Der Graf riss den Arm weg. „Ihr Bauern und eure Aberglauben. Vorwärts, habe ich gesagt!“
Hans seufzte und trieb die Pferde an. Die Kutsche flog über den schmalen Weg, während der Wind am Holz rüttelte. Blitze zuckten über den Himmel, und für einen Moment lag der See wie eine schwarze, glatte Fläche im Licht – unheimlich still im Getöse des Sturms.
Plötzlich scheuten die Pferde. Aus dem Schilf am Ufer ertönte ein langgezogenes, klagendes Stöhnen, als würde jemand im Wasser weinen. Die Tiere bäumten sich auf, die Kutsche schwankte gefährlich. „Was soll das? Halt die Tiere im Zaum!“, brüllte der Graf. Hans versuchte, die Zügel zu halten, doch der Weg war aufgeweicht, der Rand bröckelig. Ein Rad rutschte ab, die Kutsche kippte zur Seeseite hin. Mit einem krachenden Geräusch brach das Ufer, und die Kutsche stürzte in das schwarze Wasser.
Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann durchbrachen Blasen die Oberfläche, Holz krachte, Pferde schrien und alles wurde vom See verschlungen. Nur Hans, der vom Bock geschleudert worden war, blieb bewusstlos im Schlamm am Ufer liegen.
Am nächsten Morgen fanden die Bauern den Kutscher. Vom Grafen, seiner Nichte und der Kutsche fehlte jede Spur. Der Hellsee lag glatt und dunkel da, als sei nichts geschehen. Taucher gab es damals natürlich nicht, und niemand wagte es, nach langen Stangen oder Netzen zu greifen: „Was der Hellsee nimmt, gibt er nicht zurück“, murmelten sie abergläubisch.
Hans erzählte den Bauern, was geschehen war. Er berichtete von der Hast des Grafen, der Warnung, dem weinenden Laut aus dem Schilf. Die Alten nickten ernst. „Der Hellsee mag keinen Hochmut“, sagte eine alte Frau. „Wer ihn verhöhnt, den holt er sich.“
Seit jener Nacht, so erzählen es sich die Menschen früher am See, wenn der Wind stürmisch über den Hellsee fegt, kann man angeblich das Rumpeln von Wagenrädern auf unsichtbarem Weg hören. Manchmal soll man auch im Nebel die Umrisse einer alten Kutsche über die Wasserfläche rollen sehen. Mit einer schwach leuchtenden Laterne am Kutschbock. Und wer dann genau hinhört, meint, eine junge Frauenstimme zu vernehmen, die flehend ruft: „Langsamer… der See…“
Die Menschen meiden seitdem bei Sturm den Weg. Und noch heute sagen sie: „Am Hellsee treibst du keine Eile. Der See kennt keine Gnade für Stolze.“
Foto: Das Foto haben wir mit der KI-Software von Adobe Firefly entworfen. Zum Promten wurde ein Textauszug aus der Erzählung verwendet.


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