Sa.. Jan. 24th, 2026

Wandern und Bücher: „Rebellinnen zu Fuss“, Anneke Lubkowitz

Wandern, Wildnis, Berggipfel und die grenzenlose Schönheit der Natur: Ein Buch zeigt, wie sich Frauen eroberten, was früher als Männerdomäne galt. 

Sie nennen sich „Fräulein Draußen“, „Marlenes Leben“, „Bergfreundinnen“ oder „Ulligunde“ – Frauen, die in unserer heutigen Zeit eine ganz besondere Leidenschaft teilen: die Liebe zur Natur, zum Wandern, zu den Bergen und den Gipfeln dieser Welt. Mit eindrucksvollen Fotos haben sie sich einen Namen gemacht, berichten in den sozialen Netzwerken von ihrem Weg in die Natur und ernten dabei Bewunderung, Respekt – und ganz oft auch bissigen Neid.

Denn was für die heutige Generation selbstbewusster Frauen selbstverständlich ist, war über Jahrhunderte kaum denkbar: Natur, Abenteuer und Wildnis galten als rein männliches Terrain. Männer beanspruchten diese Welt für sich, begleitet von kraftvollen Gesten, beeindruckender Ausrüstung und heroischen Worten.

Auch in der Literatur über das Leben draußen dominierte lange die männliche Perspektive. Geschichten schilderten das Erkunden von Bergen oder das Bezwingen mächtiger Gipfel oft als Kampf – ein Ringen mit der ungezügelten Kraft der Natur.

Die Buchkritik erschien zuerst am 29. Dezember 2025 in der Berliner Morgenpost

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Anneke Lubkowitz erkannte ebenfalls, dass das Wandern lange als männlich geprägt galt. Für sie symbolisiert Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ den archetypischen männlichen Wanderer. Auf dem Bild ist ein Mann zu sehen, wie er auf einem Gipfel im nebelverhangenen Elbsandsteingebirge steht, den Rücken dem Betrachter zugewandt. „Dieses Bild hat mein Verständnis vom Wandern lange geprägt“, gibt sie heute zu.

Lubkowitz hat sich auf die Suche nach einer anderen Sichtweise auf das Draußensein gemacht – und ist in der Geschichte fündig geworden. Denn Frauen waren schon immer unterwegs. In ihrem neuen Sachbuch „Rebellinnen zu Fuß“ beschreibt sie elf Dichterinnen, die sich ihren Platz in der Natur nicht erkämpfen mussten. Sie nahmen ihn sich einfach – leise, mit sanften Worten, das Positive lobend. Doch das Buch ist keine bloße Sammlung monotoner Biografien jener weiblichen Zeitgenossinnen. Lubkowitz reflektiert auch ihren eigenen Werdegang: von der Spaziergängerin zur leidenschaftlichen Wanderin.

Faszinierenden Protagonistinnen der Vergangenheit

Ein besonderer Reiz des Buches aber liegt natürlich in der Begegnung mit faszinierenden Protagonistinnen der Vergangenheit wie Sophie von La Roche, Annette von Droste-Hülshoff oder Simone de Beauvoir. Sophie von La Roche, eine der ersten deutschen Schriftstellerinnen, steht in Lubkowitz’ Darstellung exemplarisch für das Gehen als Mittel der Reflexion und Selbstfindung.

Die Herausgeberin der ersten Frauenzeitschrift – das Magazin trug den Titel „Pomona“ – veröffentlichte neben philosophischen Texten auch Reiseberichte, die ihre Leidenschaft fürs Unterwegssein widerspiegeln. Erst Mitte 50 entdeckte sie die Ferne für sich und begab sich neugierig auf verschiedene Reiseabenteuer.

Wandern ist ihre Leidenschaft: Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Anneke Lubkowitz
Anneke Lubkowitz (Fotos: Krauthöfer)

Legendär ist die Erzählung, wie die Schriftstellerin am 22. Juli 1784 den berühmten Mer-de-Glace-Gletscher unterhalb des Mont-Blanc-Massivs für sich eroberte und diese Erfahrung in ihrem Werk Reisen durch die Schweiz festhielt. Männer trugen sie dabei auf einer Trage über den Gletscher, angeblich, weil sie keine Wanderschuhe besaß. Stattdessen wagte sie dieses Abenteuer in Stöckelschuhen. Was heute in den sozialen Netzwerken vermutlich einen Shitstorm ausgelöst hätte, war damals kaum der Rede wert.

Eine gewisse Naivität in der damaligen Reisekultur darf man Sophie von La Roche schon zugestehen. Frauen jener Zeit waren meist weder körperlich noch technisch auf solche Abenteue

r vorbereitet – was nur logisch ist, da entsprechende Ausrüstung wie Bergschuhe noch nicht existierte. Dennoch zeigt diese Episode eindrucksvoll, wie entschlossen Sophie von La Roche war, außergewöhnliche Naturphänomene wie Gletscher aus nächster Nähe zu erleben – ungeachtet der Schuhe, die sie dabei trug.

Dichterin Annette von Droste-Hülshoff

Großen Raum widmet Lubkowitz in ihrem Buch der deutschen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, deren poetisches Werk nicht nur stark von der Natur und den Landschaften ihrer Heimat geprägt war, sondern auch von ihren zahlreichen Krankheiten. Diese begleiteten sie ein Leben lang. Ihre Spaziergänge durch die westfälische Landschaft, die in ihren Gedichten und Prosatexten zentrale Rollen spielen, waren für sie Inspiration und zugleich eine Form des intellektuellen Widerstands gegen die engen Grenzen, die Frauen ihres Standes gesetzt waren.

Und nicht selten waren ihre Texte reine Fantasiegeschichten, die sie mit unglaublicher Vorstellungskraft zu Papier brachte. „Für mich ist Annette von Droste-Hülshoff eine der Lieblingsfiguren in meinem Buch“, sagt Autorin Anneke Lubkowitz. Besonders beeindruckt ist sie von der Entschlossenheit Droste-Hülshoffs, die trotz einer schweren Augenkrankheit – sie litt unter ausgeprägter Kurzsichtigkeit – selbst auf allen vieren durch die Natur kroch, nur um ihr ganz nah zu sein. „Das hat mich zutiefst beeindruckt“, so Lubkowitz.

Anneke Lubkowitz spart zu Beginn dieses Kapitels nicht mit persönlichen Erinnerungen an ihre Kindheit und die obligatorischen Sonntagsspaziergänge mit ihren Eltern. Für sie war der Sonntagsspaziergang eine domestizierte Version des Wanderns, ein Versuch, das Wohnzimmer mit in die Natur zu nehmen. Zeitlich und räumlich begrenzt, ohne den Blick nach rechts oder links zu wagen.

Versuche, die Normalität zu durchbrechen, endeten – so beschreibt es Lubkowitz – im Chaos. Annette von Droste-Hülshoff hingegen hatte noch keine 20 Jahre erreicht, als sie ihren Wunsch, die Fesseln der Konventionen und des Zeitgeistes abzustreifen, in ein Gedicht formte. Unruhe nennt es sich, und Lubkowitz beschreibt es als kraftvollen Ausdruck weiblicher Wut und ungebändigten Freiheitsdrangs.

Mit Simone de Beauvoir schließlich betritt eine der größten feministischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts die Bühne von Lubkowitz’ Erzählung. De Beauvoirs Philosophie des Existenzialismus und ihre Idee der „Selbstgestaltung“ spiegeln sich auch in der Freiheit wider, die sie im Gehen fand – obwohl man die Französin wohl eher plaudernd in einem Pariser Café auf Montmartre vermuten würde als durch die Weltgeschichte wandernd.

Doch de Beauvoir nutzte das Gehen sowohl für intellektuellen Austausch als auch für persönliche Reflexion. Lubkowitz zitiert Szenen aus „Das andere Geschlecht“ und de Beauvoirs Memoiren, um zu verdeutlichen, wie das durch körperliche Bewegung gewonnene „Bewusstsein der Welt“ zur philosophischen Grundlage ihrer feministischen Überzeugungen wurde. 

Hemmungslose Liebe zum Wandern

Zum Wandern kam de Beauvoir übrigens erst mit 20 Jahren, während ihrer Zeit als Lehrerin in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille. Besonders eindrucksvoll liest sich ihre Wanderbeschreibung der Tour von Cassis über die Klippen des Plateau du Soubeyran und dem Sémaphore Bec de l‘Aigle bis in die Hafenstadt La Ciotat. Das Ergebnis dieser Tour: hemmungslose Liebe zum Wandern und Unterwegssein, zusammengefasst in einem Zitat Simone de Beauvoirs, welches in Lubkowitz Buch ebenfalls zu finden ist. „Die Leidenschaft, die damals von mir Besitz ergriff, ließ mich über 20 Jahre lang nicht los; erst das Alter hat ihr ein Ende gesetzt.“

Diesen Satz, oder so ähnlich, würden wohl auch die eingangs genannten Frauen heute blind unterschreiben. Die alten, eingefahrenen Narrative sind glücklicherweise längst ins Wanken geraten. Der entscheidende Unterschied zu damals ist, dass die Frauen heute hör- und sichtbar machen, dass die Natur kein Schlachtfeld ist, sondern ein Ort der Verbundenheit, der Selbstfindung und der Freiheit. Ihre Geschichten sind keine Heldensagen und keine Eroberungsepen – sie sind Hymnen an die Schönheit dieser Welt, an das Loslassen und Ankommen.

Mit jedem Schritt auf schmalen Gratwegen, bemoosten Pfaden oder steinigen Anstiegen hinterlassen sie ihre Spuren – nicht nur sichtbar auf dem Boden, sondern auch tief in den Köpfen einer neuen Generation. Das das nicht immer so war, hat Anneke Lubkowitz auf 304 Seiten eindrucksvoll zusammengetragen. Prädikat: absolut lesenswert.

„Rebellinnen zu Fuss“ - Wandern

Autor

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert