Pilgern – ein uralter Ruf der Seele – ist mehr als eine Wanderung über staubige Wege. Es ist Ausdruck der Sehnsucht nach dem Sinn und der Wahrheit des Lebens. Wer aufbricht, begegnet sich unterwegs neu. Viele tragen genau diese Haltung im Gepäck, wenn sie zur Kathedrale von Santiago de Compostela aufbrechen, dem berühmtesten Wallfahrtsort Spaniens – Ziel von Tausenden Pilgerinnen und Pilgern aus aller Welt. Pilgern bedeutet aber auch, sich auf Neues einzulassen und Unbekanntes zu entdecken.
Beim Krippenpilgern in Spandau beginnt das Abenteuer vor der Tür. An rund 30 Orten steht dabei die Weihnachtskrippe im Mittelpunkt. Die Konfession spielt keine Rolle: Katholische und evangelische Kirchen sind gleichermaßen beteiligt. Mal sieht man die Krippe hinter Glas, mal im Kirchgarten; es gibt klassische Krippen und Fensterbilder. Häufig sind vor oder nach den Gottesdiensten Menschen vor Ort, die gern mit Pilgerinnen und Pilgern ins Gespräch kommen. Die Touren können individuell erwandert oder im Rahmen einer Führung gemeinsam entdeckt werden.
Wanderung durch Falkensee zur Heilig Geist Kirche
Wer es aus Berlin Mitte oder einem anderen Stadtbezirk bis zur Bushaltestelle an der Spandauer Straße, Ecke Humboldtallee geschafft hat, hat bereits einen wichtigen Bestandteil des Pilgerns erfüllt: (lange) unterwegs sein. Hier in Falkensee startet unser Krippenpilgern, und wir folgen der Humboldtallee nach Norden. Die Straße ist benannt nach den Gebrüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt, zwei Abenteurern aus dem Berliner Stadtteil Tegel. Ein paar Hundert Meter geht es vorbei an schmucken Einfamilienhäusern bis zum südöstlichen Ausläufer des Falkenhagener Sees.
Wo die Humboldtallee in die Haydnstraße übergeht, zweigt rechts ein schmaler Weg ab. Er führt hinter den Wohnhäusern entlang durch den Wald bis zur Lisztallee; dieser folgen wir links bis zur Weberallee. Dort biegen wir rechts ab und erreichen die Heilig-Geist-Kirche in Falkensee. Die erste Weihnachtskrippe der Tour steht links im Foyer und ist von außen gut sichtbar. Der Stempel für den Pilgerpass ist – wie in vielen teilnehmenden Kirchen – vor allem vor und nach den Gottesdiensten erhältlich.

Pilgern – Mauerweg lädt zur Geschichtsexkursion ein
Weiter geht es rechts in die Brahmsstraße bis in den Wald hinein. Der Wanderweg mündet in eine Forststraße. Wir halten uns links, folgen dem breiten Weg, vorbei an einem kleinen Rastplatz auf der einen und mächtigen Holzstämmen auf der anderen Seite, nach Norden und biegen bei der ersten Gelegenheit nach rechts ab. Am Ende des Pfades stoßen wir auf den Mauerweg, der über mehr als 160 Kilometer Berlin umrundet und dem historischen Verlauf der Berliner Mauer folgt. Dort, wo wir das schmale Asphaltband kreuzen, erzählen drei Stelen am Wegesrand die dramatische Geschichte zweier Menschen, die hier an der innerdeutschen Grenze den Tod fanden.
Der damals 19-jährige Klaus Schulze wurde am 7. März 1972 bei seinem Fluchtversuch, als er mit einer Leiter den letzten Metallzaun überwinden wollte, tödlich getroffen. Helmut Kliem aus Staaken fiel den Akten zufolge einem schießwütigen Grenzer zum Opfer. Der 31-Jährige, so steht es auf den Erinnerungstafeln, wollte im November 1970 seine Frau und die Kinder aus der Stadt abholen und hatte die Hinweistafeln im Grenzbereich übersehen.


Als er seinen Irrtum bemerkte, wendete er und fuhr die Straße zurück. Während die Grenzer im nahen Wachturm das Verhalten nicht als versuchten Grenzübertritt werteten und ruhig blieben, begann der Posten am Zaun mit seiner Kalaschnikow zu schießen. Kliem verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus.
Wir überqueren den Mauerweg und laufen geradeaus, vorbei an einem Gestüt, und weiter die Radelandstraße entlang bis zur Stadtrandstraße. Dieser folgen wir nach rechts bis zum Eingang des Waldkrankenhauses und gehen dort direkt in die Kapelle des Klinikums, wo die zweite Krippe unserer Krippenpilgertour steht. Der achteckige Bau vor dem Haupteingang des Klinikums ist täglich bis 18 Uhr geöffnet und fasziniert durch die farbigen Fenster, gestaltet vom Berliner Künstler Paul Salvatore Corazolla. Die Holzkrippe steht zu beiden Seiten des Altars; den Stempel für den Pilgerpass gibt es im Foyer der Kapelle.

Pilgern – Durch die Spektewiese und die Gartenstadt nach Alt-Staaken
Auf der Stadtrandstraße geht es südwärts bis zum Maikäferweg. Dort halten wir uns rechts und erreichen bald die Ruinen der ehemaligen Landesnervenklinik Spandau. Der Lost Place grenzt direkt an das Landschaftsschutzgebiet Spektewiese – eine der letzten unbebauten Wiesenlandschaften der Hauptstadt. Wir queren die Falkenseer Chaussee, folgen dem linken Ufer des Spektesees bis zum Seeende und biegen dann rechts in die Straße 603 ein, der wir bis zur Seegefelder Straße folgen. Unter der Bahnstrecke in Richtung Hamburg hindurch geht es hinter der Eisenbahnbrücke rechts in den Ungewitterweg zur Gartenstadt Staaken.

Das architektonische Ensemble, ab 1909 von Paul Schmitthenner entworfen, gilt als frühes Beispiel des deutschen Städtebaus. Es bot Arbeiterfamilien Wohnungen mit Gärten und viel Grün – geprägt von der Gartenstadtbewegung. Ursprünglich für Rüstungsarbeiter geplant und nach dem Ersten Weltkrieg erweitert, wurde es im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, anschließend wieder aufgebaut und genießt heute Denkmalschutz. Seine schlichte, solide Reformarchitektur steht in ihrer Bedeutung auf einer Stufe mit der Gartenstadt Hellerau bei Dresden, der Essener Margarethenhöhe und der von Bruno Taut gestalteten Tuschkastensiedlung in Bohnsdorf, die zum Unesco-Welterbe zählt.

Auf dem Finkenkruger Weg, der in den Nennhauser Damm übergeht, queren wir die Eichholzbahn, passieren den Naturpark und gelangen zur Dorfkirche Alt-Staaken. Rechts vor dem Eingang des historischen Gotteshauses steht die Weihnachtskrippe mit der bekannten Stallszene; daneben liegt der Stempel für den Pilgerpass.
Die Heerstraße ist die zweitlängste Ausfallstraße Berlins
Wir gehen den Nennhauser Damm etwa 100 Meter zurück und biegen rechts in den Bullengraben ab. Er führt an der Stieglakewiese entlang bis zum östlichen Ende der Stieglake. Dort halten wir uns kurz rechts, am Ende des Weges links und wandern anschließend schräg rechts am Amalienhofgraben entlang bis zur Heerstraße. Mit mehr als zehn Kilometern ist sie nach dem Adlergestell in Treptow die zweitlängste Ausfallstraße Berlins und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Zunächst war die Heerstraße Aufmarschstraße für den Truppenübungsplatz Döberitz. 1911 wurde sie von Kaiser Wilhelm II. dem allgemeinen Verkehr übergeben.
Zu DDR-Zeiten befand sich hier in Staaken ein wichtiger Grenzübergang. Seit der Wende geht die Heerstraße auf brandenburgischer Seite in die Hamburger Chaussee über und führt als Bundesstraße 5 über Hamburg bis an die dänische Grenze. Vom Amaliengraben bietet sich ein weiter Blick auf den Hahneberg, einen ehemaligen Schuttberg, der bei gutem Wetter einen 360-Grad-Panoramablick erlaubt – bis hin zum Teufelsberg in Charlottenburg.

Wir queren die Heerstraße über eine Fußgängerbrücke und biegen links in den Reimerweg ein. Am Amalienhofgraben entlang geht es durch mehrere Kleingartensiedlungen, später links in den Semmelländerweg, gleich darauf rechts in den Meesterweg und weiter auf den Meydenbauerweg. Durch einen Hintereingang erreichen wir die Laurentius-Kirche der Weinberggemeinde Spandau. Im Eingangsbereich bestaunen wir das Fensterkrippenbild. Der Stempel befindet sich im Inneren des Gotteshauses und ist zu den Gottesdienstzeiten erreichbar.
Über die Heerstraße wandern wir stadtauswärts bis zur Bushaltestelle an der Sandstraße – hier endet unsere Krippenpilgerreise.


