Laut eigener Aussage ist die Ex-Firmen-Saniererin und Bestsellerautorin Christine Thürmer die meistgewanderte Frau der Welt. Ein Spaziergang durch ihre Heimatort Marzahn.
Es ist kalt an diesem Sonnabendvormittag in Marzahn. Ein eisiger Wind pfeift über den Vorplatz vom S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße, auf den Gehwegen liegt hier und da noch etwas Eis. Nur wenige Menschen sind bei diesem Wetter draußen. Wer kann, bleibt im gemütlichen, warmen Zuhause und blickt durchs Küchenfenster auf das typische Berliner Wintergrau.
Hier soll sie also wohnen: Christine Thürmer, die meistgewanderte Frau der Welt. Sie ist Autorin von vier Reisebüchern; das fünfte, „Hiking Asia“, erscheint in einem Monat. Alle Titel stehen auf den Bestsellerlisten. Sie ist eine gefragte Interviewpartnerin für Funk und Fernsehen und eine leidenschaftliche Erzählerin auf den Outdoor-Bühnen dieser Republik. Mitten in einem Meer aus unscheinbaren, grauen Betonfassaden erholt sich also die Wanderikone von ihren Touren rund um den Globus und sammelt Kraft für die nächsten Abenteuer.
Pünktlich zur verabredeten Zeit biegt eine fröhlich wirkende Frau auf einem Fahrrad um die Ecke. Wen ficht trübes Hauptstadtwinterwetter an, wenn man tausende Kilometer zu Fuß durch die amerikanische Wildnis gelaufen ist? Die paar Minusgrade können einer echten Marzahner Outdoor-Woman nichts anhaben. „Es sind erschwerte Winterbedingungen. Aber wir könnten es schlimmer haben: Schneefall, Regen, Glätte“, ruft Christine Thürmer uns entgegen, nimmt die vor Kälte rot gewordenen Hände vom Lenker und schließt ihr Zweirad an einem Fahrradständer an. Mit diesem Rad sei sie tausende Kilometer gefahren, sagt sie noch, steckt den Schlüssel in die Tasche und ist bereit für einen kleinen Spaziergang durch ihren Kiez.

Über 70.000 Kilometer zu Fuß
Seit mehr als 20 Jahren wandert die gebürtige Oberfränkin aus Forchheim durch die Welt. Die großen Fernwanderwege hat sie alle absolviert. Japan, Südkorea, Amerika und Europa, 40 Länder insgesamt, hat sie bereist und dabei nach eigenen Angaben rund 70.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. „Wahrscheinlich sind es mittlerweile eher 80.000 Kilometer“, sagt sie, nicht ohne Stolz in der Stimme. Verständlich: Das wären beinahe zwei Erdumrundungen. Und das muss man erst einmal schaffen.
Mindestens sechs Monate im Jahr läuft die 58-Jährige um den Globus. Erst letztes Jahr war sie in Asien unterwegs. Die restliche Zeit ist sie zu Hause, schreibt Bücher, hält Vorträge vor Tausenden neugieriger Menschen, erholt sich von den Wanderstrapazen und wälzt die Landkarte. Nach einem Wanderjahr ist schließlich vor dem nächsten Wanderjahr.
Wir spazieren im gemütlichen Schritttempo die Raoul-Wallenberg-Straße nach Südosten. Ich will endlich wissen, warum eine so bekannte Wanderqueen nicht im noblen Charlottenburg oder im hippen Prenzlauer Berg wohnt. Warum ist es Berlin geworden? Und warum lebt sie ausgerechnet in Marzahn?
Von Oberfranken nach Marzahn: Warum Christine Thürmer Berlin wählte
Mindestens sechs Monate im Jahr läuft die 58-Jährige um den Globus. Erst letztes Jahr war sie in Asien unterwegs. Die restliche Zeit ist sie zu Hause, schreibt Bücher, hält Vorträge vor Tausenden neugieriger Menschen, erholt sich von den Wanderstrapazen und wälzt die Landkarte. Nach einem Wanderjahr ist schließlich vor dem nächsten Wanderjahr.
„Mein erster Eindruck von Marzahn damals war katastrophal“, erzählt die Wanderqueen mit einem breiten Lächeln. Ein Bekannter hatte ihr die Gegend wärmstens empfohlen. Es war schlimmstes Berliner Schmuddelwetter. Dann sah sie die Wohnung und verliebte sich sofort. „Dazu kam noch der unglaubliche Mietpreis von 300 Euro im Monat, warm. Ich habe sofort unterschrieben und lebe nun seit 2019 hier in der ‚Platte‘ im Nordosten der Hauptstadt.“
Mühlenflügel, Kirchturm und ein dickes Dankeschön
Wir erblicken die Marzahner Mühle. Wie Gespenster ragen die Mühlenflügel in den tristen Winterhimmel. Nach Hochhaussiedlung sieht es hier gerade nicht aus; eher wähnt man sich auf dem Land, irgendwo in Brandenburg. Ein Verein hält die alte Mühlentradition am Laufen, man kann hier sogar heiraten. Ein hochzeitswilliges Brautpaar ist heute allerdings weit und breit nicht zu sehen. Dafür erhebt sich anmutig der Kirchturm der alten Dorfkirche am Horizont. Diesen Ort habe ich bewusst für den Spaziergang ausgewählt, auch wenn die Wanderqueen keinen direkten Bezug zu diesem Gotteshaus hat. „Ist schön hier“, sagt sie, und ich kann sie endlich fragen, warum sie so gern pilgern geht.

Man sollte für ein gutes Leben auch einmal Danke sagen, und sie habe bis heute ein gutes Leben gehabt. Doch wem gilt dieser Gedanke? Christine Thürmer erinnerte sich an ihre katholischen Wurzeln und entdeckte den Glauben wieder für sich. „Für mich zählt beim Pilgern nicht die Geschwindigkeit, sondern die spirituellen Vibes. Die Kirchen, also die spirituellen Orte am Wegesrand, sind mir wichtig, und die Menschen, die einander helfen. Es müsse auch nicht gleich der Camino nach Santiago de Compostela, der Franziskusweg in Italien oder der Kumano Kodo in Japan sein.
Fürs spirituelle Wandern bietet sich auch der Pilgerweg nach Bad Wilsnack an. „Ich habe festgestellt, dass sich die Menschen entlang dieses Weges noch über Pilger freuen“, sagt sie. Die Freude am Pilgern hält die meistgewanderte Frau der Welt aber nicht davon ab, Klartext zu reden und den aktuellen Pilgerboom auseinanderzunehmen. „Die meisten Menschen pilgern nicht, sie wandern einen Pilgerweg“, sagt sie. Und: Nicht wenige seien auch nicht aus Glaubensgründen unterwegs, sondern eher aus sportlichen Motiven.
Wandertipps von einer Wanderqueen
Wir laufen durch Alt Marzahn, passieren das Museumsgut der Agrar-Börse, überqueren die Landsberger Allee und nehmen Kurs auf unser Ziel, das Eastgate-Center am S-Bahnhof Marzahn. Natürlich hat die Wanderqueen auch ein paar wichtige Tipps fürs Wandern parat. „Wildzelten, also das Zelten beim Wandern, Wasserwandern oder Fahrradfahren, ist zum Beispiel in Brandenburg unter bestimmten Bedingungen erlaubt, außer in Naturschutzgebieten und auf privatem Grund.
Wenig Gepäck ist empfehlenswert. Ich habe nie mehr als einen 5-Kilo-Rucksack und beschränke mich auf das absolut Notwendigste darin. Trailrunning-Schuhe sind besser als Wanderstiefel. Diese seien zu robust und pressten den Fuß in ein festes Korsett. Wanderstöcke seien absolut hilfreich und vielseitig einsetzbar. Landkarten seien gut für kurze Wanderungen. Fürs Weitwandern empfiehlt sich ein GPX-Gerät.“
Das alles wird Christine Thürmer, die meistgewanderte Frau der Welt, ihrem Publikum natürlich auch wieder live erzählen: ab heute Abend zuerst in Berlin, morgen in Freiburg und danach in vielen weiteren Städten im ganzen Land. Mit ihren Tourenberichten, Geschichten und Lebensweisheiten wird sie viele Menschen zum Träumen bringen und manche sogar zum Aufbruch bewegen.

