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Auf die Türme fertig los – Wanderdiplom in Bad Freienwalde

Der Bismarckturm ist der erste Turm, der für das Wanderdiplom bezwungen werden muss. Foto: Jörg Krauthöfer/ Funke Foto Services, Nicole Krauthöfer

Der Turmwanderweg verbindet auf rund 16 Kilometern Länge die Orte Falkenberg und Bad Freienwalde.

Der Fontaneplatz mitten im Zentrum des kleinen Ortes Falkenberg, 60 Kilometer entfernt von der Metropole Berlin, liegt an diesem Sonntag noch im Dämmerschlaf. Dichter Theodor Fontane wanderte hier vor 170 Jahren und gab dem Platz seinen Namen. Gerade gackern aber nur ein paar Hühner auf den nahen Wiesen, und gelegentlich fährt ein Auto die Straße entlang. Menschen sieht man nicht, und außer dem Rauschen des Mühlenbaches ist nicht viel zu hören. Gleich hinter dem Dorf erhebt sich das Barnimer Plateau, ein kleines Mittelgebirge mit beeindruckenden Tälern und grandiosen Aussichten, auf dessen Kammweg man bis nach Bad Freienwalde wandern kann. Auch ein Diplom gilt es sich zu erarbeiten. Dafür müssen alle vier Aussichtstürme, die jetzt in den Sommerferien von Mittwoch bis Sonntag geöffnet haben, auf der 16 Kilometer langen Strecke besichtigt werden. Um es vorweg zu nehmen: Einfach ist dieser Weg nicht zu laufen. 500 Höhenmeter müssen bewältigt und insgesamt rund tausend Treppenstufen auf und ab bezwungen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der

Berliner Morgenpost am 21. Juli 2020

Unmittelbar hinter Falkenberg, am Ende des Fontaneweges, beginnt der Anstieg. Der Wanderpfad ist auf seiner gesamten Länge mit einem Turmsymbol gekennzeichnet. Durch dichten Laubwald schraubt sich der Weg in Serpentinen immer höher, vorbei an der Schutzhütte Tobbenberg, und weist nach vier Kilometern an einer Weggablung auf die beiden ersten Sehenswürdigkeiten hin: Geradeaus geht es zu einem Gipfelkreuz und links zum Bismarckturm. Der Bismarckturm ist ein ehemaliger Wehrturm und wurde 1895 zu Ehren Otto von Bismarcks auf den Resten der Burg zu Malchow errichtet. Die Grundmauern am Burgeingang sind noch aus alten Feldsteinen gemauert und könnten vermutlich viele interessante Geschichten aus den Jahrhunderten erzählen. Zu DDR-Zeiten nannte man ihn zum Beispiel „Turm der Jugend“. Nach 1990 saniert, ist der Bismarckturm unter seinem alten Namen seit 1995 der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Am Turmeingang drückt eine junge Frau lächelnd den ersten Stempel in das Wanderheft, dann geht es die 100 Stufen steil nach oben auf die Plattform. Der Blick in das malerische Oderbruch ist die Mühe natürlich wert. Am Horizont sind das Schiffshebewerk in Niederfinow und die Schorfheide zu erkennen.

Selfie vor dem Watzmann? Kein Problem

Es erscheint kaum zu glauben, aber auch das Oderbruch hat einen Watzmann. Natürlich braucht man bis zum Gipfelkreuz keine 2713 Höhenmeter zu überwinden wie bei seinem Namensvetter in den Berchtesgadener Alpen. Der Watzmann im Barnim ist lediglich 106,2 Meter hoch. Vom Heimweh geplagte bayrische Landarbeiter, die auf der nahen Burg ihren Frondienst leisten mussten, sollen für die Namensgebung verantwortlich gewesen sei. Ihnen fiel die damals noch kahle Bergkuppe auf, von deren Gipfel man weit ins Land nach Feinden Ausschau halten konnte. Heute steht dichter Laubwald um das hölzerne Gipfelkreuz. Die Menschen im Oderbruch sind stolz auf diese Sehenswürdigkeit – und tapfer hält sich das Gerücht, dass zuerst der märkische Watzmann da war und die Landsknechte den Namen mit in die bayrische Heimat mitnahmen. Bei Wanderkilometer sieben fängt es in der Ferne an zu glitzern. Die Mariannenschlucht öffnet sich und gibt den Blick auf den wildromantischen Teufelssee frei. Die Natur hat das Kleinod fest im Griff. Biber haben so manchen Baum im Wasser versenkt. Eine Ringelnatter flüchtet vor Wanderern ins trübe Wasser. Der Teufelssee ist ein perfekter Ort, um eine kleine Rast zu machen, den Wald zu genießen und für ein paar Minuten auszuspannen, bevor es dann ins Hammerthal weitergeht. Hinter der Teufelsbrücke, die vermutlich Namensgeber für das Gewässer war, welches bis vor 200 Jahren Schwarzer See hieß, färbt sich der Flussgrund ins Rötliche. Die Spuren der alten Industrie werden sichtbar. Erst wurde in der Gegend Alaun abgebaut, ein Mineral, das für die Gerbereien und die Farbherstellung benötigt wurde. Später wurde Ton für die florierende Freienwalder Ziegelindustrie gewonnen.

Der nächste Turm für das Diplom rückt in greifbare Nähe. Auf dem Geländer des Hauses der Naturpflege am Ortsrand von Bad Freienwalde steht der Eulenturm. Hier wurde eines der bekanntesten Landschaftssymbole Deutschlands erfunden. Die Naturschutz-Eule feiert in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Der hölzerne Turm steht inmitten eines wunderschönen Schau- und Lehrgartens. Es duftet nach frischem Heu. Überall blühen Blumen, und auf der Streuobstwiese riecht es nach Obst. Den Stempel für das Turmdiplom gibt es an der Rezeption. Das Wahrzeichen von Bad Freienwalde, die Skisprungschanzen am Papengrund, stehen außerhalb der Stadt. 38 schwindelerregende Meter geht es nach oben. Dann darf man sich für ein paar Minuten als wagemutiger Skispringer fühlen. Das Bauchkribbeln beim Blick nach unten gibt es gratis dazu. 1936 sprang der Olympionike Birger Ruud aus Norwegen an dieser Stelle den Schanzenrekord. Wem die Aussicht in die Tiefe zu mulmig ist, der lässt sich am Kiosk der Sprunganlage zuerst den Stempel in den Wanderpass drücken und informiert sich dann an verschiedenen Informationstafeln über die bewegte Wintersportgeschichte des Ortes. In der Ferne ragt der Aussichtsturm auf dem Galgenberg in den Brandenburger Himmel. Zunächst geht es aber vom Schanzenturm 40 Höhenmeter steil nach unten, dann vorbei an der Kurfürstenquelle in Richtung Moorbad.

Blick auf die drei Skisprungschanzen am Papenberg. Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Der Sage nach ließ sich Odergott Viadrus von Nixen sein Knieleiden mit heimischen Moorwasser kurieren. Fischer aus Bad Freienwalde beobachteten ihn heimlich dabei und wateten anschließend ebenfalls durch die braune Brühe. Der wahre Grund für den Aufstieg der Stadt zu einem Kurort ist weniger sagenhaft. Ein heimischer Apotheker bescheinigte dem Quellwasser im Jahr 1683 einen hohen mineralischen Gehalt. Kurfürst Friedrich Wilhelm organisierte daraufhin den ersten Kurbetrieb. Später kam ein Lustschloss dazu, und Preußens Monarchie fand über Jahre hinweg regelmäßig den Weg in den mondänen Kurbetrieb im Oderbruch. Heute werden hier unter anderem Menschen mit Muskelerkrankungen behandelt. Hinter dem Kurpark geht es über 200 Stufen bergauf zur Brunnenkapelle. Von dem alten Backsteingemäuer hat man einen wunderschönen Blick ins Tal, bevor sich der Wanderweg mal mehr oder weniger steil am Plateau entlang zum Aussichtsturm auf dem Galgenberg, dem letzten Turm, der für das Wanderdiplom gebraucht wird, windet. Der Galgenberg war schon immer als Aussichtspunkt beliebt. Nicht alle kamen aber lebendig wieder den Hang herunter. Bis ins 18. Jahrhundert fanden auf dem Berg Hinrichtungen statt. Heute darf jeder Besucher, der es die 98 Stufen bis zur Aussichtsplattform schafft, sorglos den grandiosen Rundblick auf die Stadt Bad Freienwalde, das Oderbruch und die weiten Wälder des kleinen Mittelgebirges genießen. Und sich anschließend über das bestandene Turmdiplom in der Tasche freuen.

Bad Freienwalde und der Turmwanderweg: Anfahrt, Sehenswürdigkeiten, Gastronomie – und Kurioses am Rande

Anfahrt
Mit dem Auto Auf der Landstraße fährt es sich am schönsten. Also runter von der A11 an der Ausfahrt Finowfurt und die Bundesstraße 167 weiter bis nach Bad Freienwalde. Parkplätze gibt es am Bahnhof und am Stadtrand. Vom Bahnhofsvorplatz fährt der Bus-Ersatzverkehr der Linie RB 60 (die Bahn baut gerade) bis nach Falkenberg Ortsmitte. Wer ein paar Kilometer Fußmarsch einsparen möchte, fährt mit dem Bus der Linien 878, 881 und 883 vom Bahnhof Freienwalde bis zur Haltestelle Malche und steigt von da auf den Schlossberg zum Bismarckturm auf.
Mit der Bahn Der RE 3 fährt von Berlin nach Eberswalde. Dann geht es auf der Linie RB 60 mit dem Ersatzbus nach Falkenberg.
Turmdiplom
Vier Türme, 15 Kilometer, ein Diplom. Das Stempelheft gibt es für sechs Euro am ersten Turm zu kaufen. Es berechtigt zum Aufstieg auf alle vier Aussichtstürme, ohne weitere Kosten. Die begehrten Stempel für das Diplom gibt es an den jeweiligen Türmen.
Öffnungszeiten Alle Türme sind in den Sommerferien bis einschließlich 9. August mittwochs bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Nach den Ferien gilt die alte Regelung: Dann sind die Türme offen von Freitag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 17 Uhr. Haben Sie alle Stempel gesammelt, gibt es zwei Möglichkeiten: Sie gehen in das Tourismusbüro, Uchtenhagenstraße 3 in Bad Freienwalde, und lassen sich Ihr Diplom vor Ort ausdrucken. Oder Sie stecken alles zu Hause in einen Umschlag und lassen sich Ihr Turmdiplom bequem mit der Post zusenden.
Wanderstrecke Von Falkenberg bis nach Bad Freienwalde sind es rund 15 Kilometer. Etwa 500 Höhenmeter müssen bewältigt werden. Für Kinderwagen ist der Weg nicht geeignet. Festes Schuhwerk ist empfehlenswert. Die Wanderzeit liegt bei etwa fünf Stunden, je nach Kondition.
Sehenswürdigkeiten
Stadtkirche St. Nikolai Der rote Backsteinbau im gotischen Stil ist das Zentrum der Innenstadt und des dreieckigen Marktplatzes von Bad Freienwalde. Ein 800 Jahre alter Taufstein ziert den Renaissance-Altar. Der Sage nach kommt es vor, dass in den Abendstunden ein rotes Licht durch die Kirche geistert. Ein kleiner Junge namens Caspar von Uchtenhagen spielt den Erzählungen nach dann mit seinem Hündchen. Der Knabe starb vor langer Zeit angeblich an einer vergifteten Birne.
Kurioses in Bad Freienwalde Auf dem Schlossberg stand nie ein Schloss, dafür der Bismarckturm. Auf dem Apothekerberg gab es nie eine Apotheke, dafür eine kleines Schloss. Schloss Freienwalde ist ein Zeugnis preußischer Landbaukunst und beherbergt heute die Walther-Rathenau-Gedenkstätte. Geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr.
Zum Hören Wenn Sie sich bereits zu Hause auf dem Sofa über den Ort, die Umgebung und die Geschichte informieren wollen, sei Ihnen die Webseite von Bad Freienwalde ans Herz gelegt. Audioguides führen zu den markanten Punkten. 
Gastronomie
Im Haus der Naturpflege gibt es ein Café, in dem es an den Wochenenden selbstgebackenen Kuchen und Kaffee gibt. Und im Café Fürst Time an der Königsstraße 12 gibt es Eis, kaltes Bier, Kuchen, Kaffee und Eisschokolade in nettem Ambiente.
In der Nähe
Um die Ecke liegt das Schiffshebewerk Niederfinow. Das Industriedenkmal ist ein Touristenmagnet. Gleich daneben wird das neue Hebewerk gebaut. Hebewerkstraße 52. Geöffnet täglich 9.30 bis 17.30 Uhr. Eintritt 3, ermäßigt 2 Euro.

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